Kompakte Übersicht zu Seidenstoffen und Webarten, Teil 4

Kompakte Übersicht zu Seidenstoffen und Webarten, Teil 4

Edel und elegant, kostbar, weich fließend, luftig leicht, zart und weich, sanft glänzend: Das sind ein paar Adjektive, die gerne verwendet werden, um Seide zu beschreiben. Die Naturfaser gleicht Temperaturen aus, kann viel Feuchtigkeit aufnehmen und sorgt selbst bei sehr empfindlicher Haut für ein angenehmes Tragegefühl. Doch um die Seide ranken sich auch viele Mythen, Legenden und Halbwahrheiten. Das fängt schon damit an, dass die eine, einzige Seide gar nicht existiert.

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Kompakte Übersicht zu Seidenstoffen und Webarten, Teil 4

Vielmehr ist Seide eher ein Oberbegriff für verschiedenste Qualitäten. Grund genug, einmal etwas genauer hinzuschauen und die wichtigsten Begrifflichkeiten in einer mehrteiligen Übersicht zu erklären. Dabei haben wir in den vorhergehenden Teilen Seidenstoffe und Webarten vorgestellt.

Jetzt, im letzten Teil 4, gehen wir noch kurz auf
Qualitätsmerkmale von Seide ein:

Die Qualitätsstufen von Seide

Seidenstoffe werden in unterschiedliche Qualitäten eingeteilt. Dabei gibt es zum einen Abstufungen, die sich auf den Herstellungsprozess beziehen. Je nach Hersteller werden dabei verschiedene Maßstäbe angelegt.

Eine gängige Einteilung ist aber diese:

  • AAA steht für beste Qualität. Der Stoff hat je laufendem Meter maximal einen Webfehler.

  • AA kennzeichnet sehr gute Qualität mit zwei bis fünf Webfehlern pro Laufmeter.

  • A gilt für eine normale Qualität. Pro Laufmeter kann der Stoff sechs bis zehn Webfehler enthalten.

  • B bezeichnet eine mangelhafte Qualität. Solche Seidenstoff enthalten mehr als zehn Webfehler pro laufendem Meter, Risse oder Löcher. Der Grundstoff kann fehlerhaft vor- oder nachbehandelt sein. Oft wird diese Qualitätsstufe auch für Ware verwendet, die im Allgemeinen deutlich fehlerhaft ist.

Zum anderen unterscheiden die Qualitäten nach der Herkunft der Seide. Bei der Fertigung werden die Kokons zunächst abgebürstet und von der teils verhärteten Außenhülle befreit. Die kurzen Fasern, die dabei entstehen, werden als Flockseide bezeichnet und zu einer vergleichsweise preiswerten Seide verarbeitet, die meist für industrielle Zwecke genutzt wird.

Im nächsten Schritt wird der Mittelteil der Kokons abgewickelt. Die reinweißen Seidenfäden hier sind zwischen 800 und 1.200 Meter lang. Der Fachbegriff für das Abwickeln der Kokons lautet Abhaspeln und die aus den langen, reinweißen Fäden gewonnene Seide ist analog dazu die Haspelseide. Sie weist die höchste Qualität auf.

Die beiden Enden des Kokons und der Innenteil der Hülle sind zu stark mit Seidenleim verklebt, um sie abzuwickeln. Mit dem Seidenleim, auch Seidenbast genannt, verbindet der Seidenspinner die Fäden zu einem festen, harten Kokon. Erst wenn der Seidenleim im nächsten Arbeitsschritt mit Seifenlauge entfernt ist, können die verbliebenen Seidenfasern ausgekämmt werden.

Dabei sind die Seidenfasern dünn, kurz und gelblich verfärbt. Weil Seide ein teurer Rohstoff ist, werden aber auch diese Fasern verarbeitet. Aus den Fäden, die der Seidenspinner als Halterung für den Kokon produziert, wird Wattseide.

Die Fäden aus den äußeren Kokonschichten sind das Grundmaterial für Florettseide. Watt- und Florettseide machen ungefähr zwei Drittel der gesamten Seidenproduktion aus.

Auch Schappeseide besteht aus kurzen Seidenfasern, die ausgekämmt, zusammengelegt, durch mehrfaches Ziehen und Dehnen zu Garnen versponnen und anschließend zum Stoff gewoben werden. Die Reste, die dabei anfallen, werden wiederum zu Bouretteseide verarbeitet.

Echte Seide erkennen

Bei den vielen verschiedenen Seidenstoffen und den Geweben, die Seide ähneln, stellt sich mitunter die Frage, woran echte Seide eigentlich zu erkennen ist. Tatsächlich ist das nämlich gar nicht so einfach.

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Um absolute Sicherheit zu haben, müsste der jeweilige Stoff unter einem Mikroskop betrachtet werden. Mit der Brenn-, der Bügeleisen- und der Reibeprobe gibt es zwar Methoden, um die Echtheit zu überprüfen. Allerdings sind sie nur bedingt praxistauglich.

Die Brennprobe

Echte Seide ist schwer brennbar. Ist sie entflammt, brennt sie nur langsam weiter und oft geht das Feuer von selbst wieder aus. Beim Verbrennen entsteht ein weißer Rauch mit einem intensiven Geruch, der an verbrannte Haare erinnert. Die Asche, die zurückbleibt, kann kleine Kügelchen aus Schlacke enthalten, die sich zwischen den Fingern zu feinstem Staub zermahlen lassen.

Handelt es sich um echte Seide, kann eine Brennprobe zuverlässige Ergebnisse liefern. Allerdings wird wohl kaum jemand ein Kleidungsstück oder eine Stoffprobe anzünden, um die Echtheit zu prüfen.

Außerdem ist das Ergebnis nur bei reiner Seide aussagekräftig. Schon kleinste Beimischungen anderer Fasern wie zum Beispiel einen minimaler Anteil an Elasthan können zu komplett anderen Ergebnissen führen.

Die Bügeleisenprobe

Für die sogenannte Bügeleisenprobe wird das Bügeleisen auf die höchste Stufe aufgeheizt. Meist ist das die Temperatur für Leinen. Anschließend wird damit eine Stoffprobe gebügelt.

Bei reiner Seide verfärbt sich das Stoffstück im schlimmsten Fall braun bis schwarz. Es wird aber weder am Bügeleisen haften bleiben noch schmelzen oder sich wellen. Doch auch diese Prüfmethode führt dazu, dass der Seidenstoff danach nicht mehr genutzt werden kann.

Die Reibeprobe

Um zu prüfen, wie frisch Spargel ist, werden die Stangen aneinander gerieben. Frischer Spargel quietscht nämlich. Bei Seide gibt es einen ähnlichen Test. Auch hier wird der Stoff fest aneinander gerieben. Echte Seide erzeugt dann ein Geräusch, das auch als Seidenschrei bezeichnet wird.

Allerdings funktioniert die Reibeprobe nur bei bestimmten Seidenstoffen und Webarten. Seidensatin beispielsweise hat eine so glatte Oberfläche, dass selbst intensivstes Reiben keinerlei Geräusche hervorruft.

Auch die Verfahren, mit denen ein Seidenstoff gefärbt und nachbehandelt wurde, haben Einfluss darauf, ob die Reibeprobe funktioniert.

Auf die Bezeichnung achten

Der beste Weg ist, auf das Etikett zu schauen. In Deutschland müssen Textilien gekennzeichnet sein und im Fall von Seide steht auf dem Etikett dann „echte Seide“, „reine Seide“ oder „100% Seide“. Ein Importeur oder Händler wird es tunlichst unterlassen, einen Stoff, der keine echte Seide ist, als solche auszuweisen. Bei falschen Kennzeichnungen drohen nämlich empfindliche Strafen.

Ein sicherer Hinweis darauf, dass es sich nicht um reine Seide handelt, sind Bezeichnungen wie „100% Chiffon“, „100% Satin“ oder „100% Georgette“. Denn solche Begriffe stehen nicht für das Material, sondern für die Webart.

Und ein Importeur oder Händler würde kaum auf die Kennzeichnung als echte Seide verzichten, wenn es welche wäre.

Daneben kann der Preis ein Hinweis sein. Seide ist bis heute ein luxuriöser Stoff, der nicht günstig ist. Auch Importware aus China kostet. Wird ein Stoff zum extrem günstigen Schnäppchenpreis angeboten, ist eher unwahrscheinlich, dass es sich tatsächlich um reine und hochwertige Seide handelt.

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Hier schreiben Michael Husmann, 47 Jahre, Geschäftsinhaber einer B2B Stoffhandel Firma, die Künstlerin Elke Bornholt, 39 Jahre, mit einem Faible für Seidenmalerei und Bastelarbeiten, Karina Notzko, 32 Jahre und Schneidermeisterin, sowie Christian Gülcan, Betreiber der Webseite und Redakteur. Wir möchten alles Wissenswerte rund um Seide bzw. Seidenstoffe vermitteln.

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