Kompakte Übersicht zu Seidenstoffen und Webarten, Teil 3

Kompakte Übersicht zu Seidenstoffen und Webarten, Teil 3

Neben Baumwolle, Leinen und Wolle gehört Seide zu den beliebtesten Naturfasern überhaupt. Gleichzeitig ist Seide ein sehr edler und kostbarer Stoff. Das Gewebe kennzeichnet sich durch seinen sanften Fall, den weichen Griff und den dezenten Glanz. Obwohl Seide leicht, luftig und sehr zart wirkt, ist sie enorm reißfest. Außerdem gleicht sie Temperaturen aus und kann deutlich mehr Feuchtigkeit aufnehmen als zum Beispiel Baumwolle.

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Kompakte Übersicht zu Seidenstoffen und Webarten, Teil 3

DIE Seide gibt es aber gar nicht. Vielmehr sind verschiedenste Seidenqualitäten erhältlich. In einer kompakten Übersicht zu Seidenstoffen und Webarten erklären wir die wichtigsten Begriffe und Bezeichnungen.

Hier ist Teil 3!:

Seidenjersey

Bei Seidenjersey handelt es sich um einen Strickstoff, der aus Seidengarn gefertigt wird. Weil der Stoff gestrickt und nicht gewebt wird, zählt Seidenjersey strenggenommen nicht zu den Seidengeweben.

Die Fertigung erfolgt oft in einem Rundstrickverfahren. Auf diese Weise lässt sich das seidene Gewebe nicht nur sehr schnell herstellen, sondern durch die schlauchartige Form auch gut weiterverarbeiten.

Seidenjersey gibt es im Wesentlichen in drei verschiedenen Ausführungen:

  • Singlejersey besteht aus rechten und linken Maschen im Wechsel. Dadurch ist das Gewebe sehr dehnbar.

  • Doublejersey wird entweder nur aus rechten oder nur aus linken Maschen gestrickt und ist dadurch robuster als Singlejersey.

  • Interlockjersey wird mithilfe von zwei Nadelkränzen hergestellt, die in einer Rechts-Rechts-Bindung miteinander gekreuzt werden. Auf diese Weise entsteht ein doppelt gestrickter Strickschlauch, bei dem beide Seiten aussehen, als wären sie rechts gestrickt.

Wer Kinder hat oder sich gerne mit Handarbeiten beschäftigt, kennt vermutlich die sogenannte Strickliesel. Mit diesem einfachen Gerät lassen sich Strickschläuche verschiedenster Art herstellen. Rundstrickmaschinen, die Seidengarn zu Seidenjersey verarbeiten, basieren auf dem gleichen Prinzip, nur eben in einer sehr viel größeren Dimension.

Seidenjersey ist sehr elastisch, knitterfrei und ausreichend robust. Aus diesem Grund kann der Seidenstoff vielseitig eingesetzt werden. Für eng anliegende Oberteile oder Kleider ist der Stoff genauso geeignet wie für Hosen, weit schwingende Röcke, Unterwäsche, Tücher oder Schals. Auch als Kissenbezug oder Vorhangstoff macht Seidenjersey eine gute Figur.

Ein Nachteil ist aber, dass in dem gestrickten Gewebe schon eine kleine Beschädigung dazu führen kann, dass sich die Maschen auftrennen. Als Bezug für Sitzmöbel ist Seidenjersey deshalb nicht geeignet.

Viskose-Seide

Viskose-Seide ist keine echte, natürliche Seide. Vielmehr besteht der Stoff aus Cellulose-Xanthogenat.

Für diese Verbindung wird Cellulose zunächst mit Natronlauge behandelt. Anschließend wird Schwefelkohlenstoff hinzugefügt. Dadurch bildet sich Xanthogenat, das mit weiterer Natronlauge verdünnt wird.

Auf diese Weise entsteht eine zähflüssige Lösung. Sie wird durch sehr feine Öffnungen gepresst und die feinen Fäden werden sofort in ein schwefelsaures Bad gegeben.

In dem schwefelsauren Bad wandeln sich die Fäden erneut in Cellulose um. Werden die Fäden dann zu einem Stoff verwoben, wird auch von Viskose-Seide gesprochen. Mit der Seide, die Raupen produzieren, hat der Stoff also nichts zu tun.

Wildseide

Anders als oft vermutet, entsteht Wildseide nicht durch wild lebende Tiere in freier Natur. Vielmehr wird auch Wildseide unter kontrollierten Bedingungen gewonnen. Der einzige Unterschied zu anderer Seide besteht darin, dass die Kokons erst verarbeitet werden, nachdem die Raupen geschlüpft sind.

Seidenspinner sind letztlich Schädlinge. Aus diesem Grund ist es nicht wünschenswert, dass sich Seidenspinner unkontrolliert verbreiten und Eichen, Rot- und Hainbuchen, Kastanien, Weißdorn, Rosen und andere Bäume oder Sträucher befallen.

Die Raupen werden nicht abgetötet, sondern schlüpfen aus den Kokons. Dabei beißen sie eine Öffnung hinein. Deshalb kann der Faden nicht mehr an einem Stück abgewickelt werden. Stattdessen besteht der Faden aus kürzeren Stücken, die erst miteinander verdrillt und anschließend zu Seidenfäden versponnen werden.

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Durch die Enden der Teilstücke bilden sich die kleinen Verdickungen, die für Wildseide charakteristisch sind.

Je nachdem, wie viel Gerbsäure die Blätter enthalten, von denen sich der Seidenspinner ernährt hat, hat Wildseide unterschiedliche Färbungen. Der Eichenseidenspinner beispielsweise frisst hauptsächlich Eichenblätter. Weil die Eiche reich an Gerbsäure ist, hat die aus dem Kokon gewonnene Wildseide eine dunkle, fast braune Färbung.

Im Unterschied dazu ist Wildseide vom Maulbeerspinner nahezu weiß, denn die Blätter des Maulbeerbaums enthalten so gut wie keine Gerbsäure.

Obwohl die Oberfläche mitunter rau aussieht, sind viele Wildseiden wunderbar weich. Sie können deshalb für Anzüge, Blazer und auch Abendkleider verwendet werden. Einige Wildseiden erinnern optisch an eine Leinwand. Sie eignen sich vor allem für Hosen, Vorhänge, als Möbelbezug und generell für Heimtextilien.

Die Herstellung von Rohseide

Um Rohseide zu gewinnen, sind viele Arbeitsschritte notwendig. Allerdings wird die Bezeichnung Rohseide für zwei verschiedene Dinge verwendet. So steht Rohseide zum einen für die Seide, die schon vom Kokon abgewickelt, aber noch nicht entbastet ist. Solche Rohseide wird auch Grege genannt.

Zum anderen wird das Seidengewebe, das aus Grege gefertigt ist, als Rohseide bezeichnet.

Für Rohseide müssen die Kokons der Seidenspinnerraupen gereinigt und abgewickelt werden. Bei Maulbeerseide werden die Kokons zunächst in heißes Wasser gegeben, um die Raupen abzutöten. Bei Wildseide wird abgewartet, bis die Raupen aus den Kokons geschlüpft sind.

Die Kokons kommen dann in ein heißes Laugenbad. In dem Bad rotieren Bürsten, die die Seidenfäden abwickeln. Dieser Vorgang nennt sich Abhaspeln.

Meist werden acht bis zehn Kokons gemeinsam abgewickelt, die dann zusammen einen Seidenfaden bilden. Um ein Kilo Rohseide herzustellen, werden gute 10 Kilogramm Kokons benötigt. Rohseide fühlt sich aber recht rau an und sieht stumpf aus. Das liegt daran, dass die Seidenfäden noch vom Seidenleim umhüllt sind, der die Kokons zusammenhält.

Der Seidenleim, auch Seidenbast genannt, lässt die Rohseide außerdem gelblich aussehen.

Die Rohseide wird zum Entbasten in eine Seifenlauge gegeben. Dabei wird der Seidenleim entfernt, wodurch die Seidenfäden weicher und dünner werden. Außerdem verschwinden die gelbliche Farbe und der typische Geruch, den Seidenbast hat. Eher selten wird aus der Rohseide selbst ein Seidengewebe gefertigt. Dieses hat dann einen festeren Griff, eine gelbe Färbung und einen anderen Duft als entbastete Seide.

Die Bedeutung der Zahlen hinter dem Namen einer Seide

Bei Seidenstoffen findet sich neben dem Namen meist auch eine Zahl. So heißt es zum Beispiel Ponge 05, Organza 3,5 oder Crêpe de Chine 12.

Die Zahlen haben etwas damit zu tun, dass Seide nach Gewicht gehandelt wird. Voraussetzung dafür ist eine verbindlich festgelegte Grundeinheit. Bei der Seide heißt diese Einheit Momme und hat ihre Wurzeln im alten Japan. Seinerzeit gab es aber noch keine Meter oder Quadratmeter. Im Laufe der Zeit wurde die Einheit deshalb übertragen.

Die Grundlage ist ein einfach gewebter Seidenstoff in Leinwand- oder Taftbindung. Bei dieser Webart kreuzt der Schussfaden die Kettfäden jeweils oben und unten. Die Bindung erhielt die Bezeichnung Ponge und eine Momme entspricht 4,31 Gramm pro Quadratmeter Seide in der Bindung Ponge 1.

Weil das Gewicht eines Seidenstoffs durch die Einheit Momme festgelegt ist, wiegt ein Quadratmeter Ponge 05 genauso viel wie zum Beispiel ein Quadratmeter Crêpe de Chine 05 oder Chiffon 05. Für den Preis einer Seide zählt aber nicht nur das Gewicht, sondern auch die Webart.

Ponge beispielsweise ist recht einfach herzustellen und deshalb preiswerter. Im Unterschied dazu ist die Fertigung eines Jaquard-Gewebes, in das Muster eingewebt sind, deutlich aufwändiger. Folglich ist auch der Preis pro Quadratmeter ein ganz Stück höher.

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Hier schreiben Michael Husmann, 47 Jahre, Geschäftsinhaber einer B2B Stoffhandel Firma, die Künstlerin Elke Bornholt, 39 Jahre, mit einem Faible für Seidenmalerei und Bastelarbeiten, Karina Notzko, 32 Jahre und Schneidermeisterin, sowie Christian Gülcan, Betreiber der Webseite und Redakteur. Wir möchten alles Wissenswerte rund um Seide bzw. Seidenstoffe vermitteln.

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