Was ist Ahimsa-Seide?

Was ist Ahimsa-Seide?

 

Seide ist als ein sehr edler und luxuriöser Stoff bekannt, der weich fällt, leicht schimmernd glänzt und sich wunderbar anfühlt. Dabei gibt es Seidenstoffe in vielen verschiedenen Varianten, beispielsweise als Haspelseide, Seidensatin, Crepe de Chine oder Habotai-Seide.

Dies wiederum macht die Seide sehr vielseitig einsetzbar, für elegante Kleidungsstücke, Kleidung für Säuglinge und Allergiker oder kostbare Heimtextilien etwa genauso wie als Trägerstoff für Seidenmalereien.

Für so manchen hat Seide aber einen faden Beigeschmack. Immerhin werden in der klassischen Seidenherstellung die Seidenspinnerraupen, die die kostbaren Seidenfäden produzieren, noch vor dem Schlüpfen aus ihren Kokons abgetötet. Dass es auch anders geht, stellt die sogenannte Ahimsa-Seide unter Beweis.

 

Was ist Ahimsa-Seide?

In der konventionellen Seidenherstellung, in der der Maulbeerseidenspinner die Hauptrolle spielt, wird abgewartet, bis sich die Seidenspinnerraupen verpuppt haben. Bevor die Raupen schlüpfen, werden die Kokons mit heißem Dampf behandelt oder in kochendes Wasser gegeben.

Auf diese Weise bleiben die Kokons intakt und die Seide kann in endlos langen Fäden abgewickelt werden. Der Fachbegriff für dieses Abwickeln nennt sich Abhaspeln, weshalb echte Seide auch als Haspelseide bezeichnet wird. Das Überbrühen der Kokons führt aber gleichzeitig dazu, dass die Raupen in den Kokons abgetötet werden und so keine Chance mehr auf ein Leben als Schmetterling haben.

Daneben gibt es eine zweite traditionelle Form der Seidengewinnung. Hierbei werden die Kokons der Seidenraupen erst dann eingesammelt, wenn die Falter schon geschlüpft sind. Hauptlieferant für diese Seide ist der wildlebende Tussah-Seidenspinner. Aus diesem Grund wird die Seide auch Tussah-Seide oder Wildseide genannt. Weil die Falter die Kokons öffnen müssen, damit sie schlüpfen können, sind die Kokons aber nicht mehr intakt.

Der Seidenfaden kann somit nicht mehr als Endlosfaden, sondern nur in kürzeren Stücken abgehaspelt werden. Dies hat zur Folge, dass Wildseide etwas gröber ist und eine unregelmäßigere Oberfläche meist mit kleinen Noppen aufweist. Außerdem hat Wildseide einen eher gelblichen Farbton.

Der Inder Kusuma Rajaiah machte es sich nun zum Ziel, eine Methode zu entwickeln, die es ermöglichen würde, Maulbeerseidenstoffe herzustellen, ohne die Raupen dabei durch heißen Dampf oder kochendes Wasser abtöten zu müssen. Sein Verfahren sollte aber nicht nur ethisch vertretbar sein, sondern gleichzeitig auch so wirtschaftlich betrieben werden können, dass die Menschen in den ländlichen Regionen Indiens von der Fertigung marktfähiger Produkte leben könnten. Das Ergebnis seiner jahrelangen Forschungsarbeit ist die Ahimsa-Seide.

Das Wort Ahimsa entstammt der indischen Sprache und bedeutet wörtlich übersetzt “das Nicht-Verletzen”. Gleichzeitig steht der Begriff für das Prinzip der Gewaltlosigkeit und den Respekt gegenüber allem Leben. Beides sind Philosophien, die in vielen östlichen Religionen zentrale Grundeinstellungen bilden.  

 

Wie wird Ahimsa-Seide gewonnen?

Bei der Herstellung der Ahimsa-Seide wachsen die Maulbeerseidenspinner in einer Freilandzucht auf. Die Raupen verpuppen sich, doch im Unterschied zur klassischen Seidengewinnung werden die Kokons erst dann weiterverarbeitet, wenn die Falter aus den Kokons geschlüpft sind.

Dabei gibt es zwei Verfahren, die Anwendung finden können. Bei der ersten Methode werden die Kokons aufmerksam beobachtet. Ist der richtige Moment gekommen, werden die Kokons aufgeschnitten und die Falter können schlüpfen. Gleichzeitig sichern die geschlüpften Falter die Weiterzucht, denn aus den Eiern, die sie legen, schlüpfen neue Raupen und damit entstehen auch wieder neue Kokons und Falter.

Bei der zweiten Methode wird abgewartet, bis die Falter von alleine aus den Kokons geschlüpft sind. Danach werden die Kokons eingesammelt und verarbeitet. Unabhängig davon, ob der Kokon aufgeschnitten wurde oder ob der Falter auf natürliche Art geschlüpft ist, ist der Kokon nicht mehr unversehrt. Die Seidenfäden, die abgehaspelt werden, sind deshalb kürzer als bei der herkömmlichen Seidenherstellung. In den weiteren Fertigungsschritten werden die Seidenfäden entweder maschinell oder von Hand zu Seidengarnen versponnen und zu Seidenstoffen verwebt.

Die kürzeren Seidenfäden machen die Gewinnung und die Verarbeitung der Seidenfäden aber aufwändiger. Aus diesem Grund ist Ahimsa-Seide teurer als konventionell hergestellte Seide. Andererseits sichert die Ahimsa-Seide den Menschen in den ländlichen Regionen Indiens ein festes und faires Einkommen. Gleichzeitig müssen diejenigen, die die konventionelle Seidenherstellung aus ethischen Gründen ablehnen, durch Ahimsa-Seide nicht auf die wunderbaren Seidenstoffe verzichten.

Kusuma Rajaiah gehört der Vereinigung „Andhra Pradesh Handloom Weavers Cooperative Society “, kurz APCO, an. Für seine Verfahren Ahimsa-Seidengarne und -Seidenstoffe herzustellen, hat er das Patent erhalten. Inzwischen hat die Ahimsa-Seide ihren Weg aus Indien auch nach Europa und sogar bis nach Hollywood gefunden. Im Englischen wird im Zusammenhang mit der Ahimsa-Seide übrigens auch von der “Peace Silk” oder der “Nonviolent Silk” (zu Deutsch: Friedensseide und Gewaltlose Seide) gesprochen.

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